„Geld ist nicht so wichtig“

Anton Zeilinger hat ihn immer wieder um Rat gefragt. Weltweit berufen ihn Regierungen und Forschungsförderer in ihre Gremien. Der US-Wissenschaftssoziologe J. Rogers Hollingsworth weiß, wie Spitzenforschung funktioniert.

Interview: Oliver Hochadel
http://www.falter.at/heureka/archiv/06_1/08.php

heureka: In einer großangelegten Studie haben Sie an die 300 wissenschaftliche Durchbrüche in der Biomedizin, die in die Zeit von 1867 bis 1998 fallen, analysiert. Woran erkennen Sie einen Durchbruch?

J. Rogers Hollingsworth: Kriterien sind die Anerkennung durch die Scientific Community und zehn wichtige Preise in der Biomedizin, der Nobelpreis (siehe heureka 4/01: 100 Jahre Nobelpreis) ist nur einer davon. Ich wollte nicht alle Durchbrüche identifizieren, sondern jene Art von Institutionen beschreiben, in denen ein solcher Durchbruch am wahrscheinlichsten ist. Und den Typus jener Forscher, die diese Durchbrüche erzielen.

Was benötigt ein Institut, um Spitzenforschung zu betreiben?

Erstens ein Höchstmaß an Flexibilität – eine hierarchische und zentralisierte Struktur sind hinderlich. Denn Wissenschaft verändert sich sehr schnell. Wenn Institutionen sich diesem Wandel nicht anpassen, dann verlieren sie den Anschluss. Die kleine Rockefeller University in New York etwa hat keine starre Aufteilung in Departments und kann so sehr schnell auf neue Entwicklungen reagieren. Hier gelangen 27 der von mir identifizierten Durchbrüche (pdf), mehr als an jeder anderen Einrichtung.

Zweitens braucht es ein Höchstmaß an Autonomie für die Wissenschaftler, um neue und auch riskante Dinge tun zu können. Und drittens ist Vielfalt unter den Forschern sehr wichtig – in der Wissenschaft und in der Kultur, die sie repräsentieren. Das ist eine neodarwinistische Idee: Varietät schafft Neues, wenn alle dasselbe denken, ist eine hohe Performanz unwahrscheinlich. Freilich, wenn sich die Forscher zu sehr voneinander unterscheiden, können sie nicht mehr miteinander reden und voneinander lernen.

Es hilft also, wenn die Forscher nicht nur aus unterschiedlichen Disziplinen, sondern auch aus verschiedenen Ländern kommen?

Die Art und Weise, wie geforscht wird, unterscheidet sich von Land zu Land. Wenn Sie Forscher mit verschiedenem Hintergrund zusammenbringen, schaffen Sie eine fruchtbare Lernumgebung und erleichtern neue Erkenntnisse. So viele Wissenschaftler kamen aus dem ehemaligen Habsburgerreich in die USA (siehe heureka 3/98: Kultur meets Culture). Das neue Umfeld hat ihnen entscheidend geholfen, kreativ zu sein.

Apropos Lernumgebung: Lehre ist nicht wichtig, um Exzellenz zu fördern?

Je mehr Funktionen ein Individuum oder eine Organisation versucht zu erfüllen, desto unwahrscheinlicher ist es, in allen oder auch nur einem davon exzellent zu sein. Wer lehren muss, dem fehlt die Zeit für die Forschung. Es sind getrennte Tätigkeiten, es wird auch nicht von jedem erwartet, beides zu tun. Eines der besten Undergraduate-Colleges in den USA ist das Oberlin College in Ohio und nicht etwa Harvard oder Stanford, weil man sich im Oberlin College voll und ganz auf Undergraduates konzentriert.

Ich vermisse in Ihrer Aufzählung das Kriterium Geld.

Das lässt sich nicht generalisieren und hängt davon ab, von welcher Disziplin wir reden und ob es sich um Grundlagen- oder angewandte Wissenschaft handelt. So sind etwa in der Biomedizin die meisten Durchbrüche mit sehr geringen Mitteln gefördert worden, das gilt auch für die jüngste Zeit. Haben die Forscher aber einmal einen Durchbruch erzielt, fordern sie auf einmal große Labore und viel Geld.

Dann gibt es Disziplinen, wie manche Bereiche der Physik, die wirklich sehr viel Geld brauchen. Aber auch hier gab es in den letzten zwanzig Jahren bei den Physiknobelpreisträgern viele, die Projekte im kleinen Maßstab und mit wenig Förderung durchgeführt haben.

Eine Technologie zu entwickeln kann sehr teuer sein. Aber auch hier gilt: In kleinen Kontexten kann man kreativ sein. Microsoft begann mit nichts. Mit der Größe kamen Hierarchien und Trägheit, auch Microsofts Börsenwert hat sich in den letzten drei, vier Jahren kaum bewegt.

Geld ist also nicht so wichtig?

Sehen Sie sich etwa die Rockefeller University an. Die machen keine sehr teure und doch exzellente Forschung. Entscheidend ist die Risikobereitschaft. Vor einigen Wochen hatte ich ein Gespräch mit dem Direktor eines Forschungspanels eines kleinen europäischen Landes. Sie suchen nach erstklassigen Wissenschaftlern, um Projekte mit hohem Risiko durchzuführen. Er sagte, neunzig Prozent können scheitern, und glaubt dennoch, dass am Ende ein signifikanter Gewinn steht.

Neunzig Prozent scheitern? Das wäre in Österreich nicht durchzusetzen (siehe heureka 2/05: Innovatives Österreich?).

Das ist das Problem in einer demokratischen Gesellschaft. Die gewählten Vertreter stehen unter Druck und schauen nur auf die Geldbörse. Viele Förderorganisationen sind unwillig, Dinge zu fördern, die sehr riskant sind. Aber wenn man zu konservativ ist, hat man am Ende wenig vorzuweisen.

Unlängst habe ich dem Board der National Science Foundation (NSF) in den USA folgenden Vorschlag gemacht: Nehmt zehn oder 15 Prozent des Budgets und ermutigt die Wissenschaftler, Projekte mit hohem Risiko einzureichen. NSF und NIH (National Institutes of Health) sind enttäuscht darüber, wie konservativ die eingereichten Projekte sind.

Wie bitte? Wissenschaftler sind noch konservativer als die Forschungsförderer?

Ja. Wenn wir den riskanten Projekten zu viel Geld zuweisen, wird die Scientific Community revoltieren, weil sie so daran gewöhnt ist, stückchenweise zu arbeiten. Peer-Review ist ein sehr konservativer Prozess. Aber radikal neue Ideen und Durchbrüche gibt es nur bei hohem Risiko. Dazu muss man ein mögliches Scheitern akzeptieren.

Heißt hohes Risiko für Sie, vor allem viel Geld aufs Spiel zu setzen?

Nein, das geht auch mit wenig Geld. Hohes Risiko heißt, dass die Forscher zu Beginn überhaupt nicht wissen, was sie herausfinden werden. Aus bestimmten Gründen haben sie den Verdacht, es könnte sich lohnen, das oder jenes näher zu untersuchen. Viele wissenschaftliche Durchbrüche lassen sich auch gar nicht sofort anwenden, oft geschieht dies erst nach Jahren in einem ganz anderen Gebiet. Aber heutzutage verlangen die meisten Forschungsförderer vom Wissenschaftler zu genau zu spezifizieren, was sie in zwei oder drei Jahren zu finden glauben.

Das erinnert an die Vorgaben für EU-Projekte: langwierige Antragstellung, Benennung der Meilensteine ...

Ich stehe der Forschungsförderungspolitik der EU sehr kritisch gegenüber. Sie hilft bei der Ausbildung, aber sie führt nicht zu exzellenter Forschung oder zu Innovationen. Hier in den USA war die Ausschüttung der Mittel sehr ungleichmäßig. Die meisten Bundesstaaten haben praktisch nichts gekriegt. Bekäme ein EU-Staat ständig kein Geld aus den Fördertöpfen, würde er sehr schnell sehr ungehalten. Das Gießkannenprinzip fördert keine Exzellenz.

Nach Österreich: Wie sollte der neue Direktor des ISTA ausgewählt werden?

Man muss auf der ganzen Welt nach den Besten suchen. Die müssen die wichtigen Forscher in ihrer Disziplin kennen. Von den neun Direktoren der Rockefeller University gelang sieben vor oder während ihrer Zeit als Direktor ein wesentlicher Durchbruch. Die anderen beiden waren Präsidenten der National Academy of Science, sprich: Sie kannten sich sehr gut aus in der Welt der Wissenschaft.

Für das ISTA würde ich vorschlagen, eine Kommission aus Nobelpreisträgern aus der ganzen Welt zusammenzustellen, die zwei oder drei Forscher nominieren. Die Regierung könnte dann die Letztentscheidung treffen.

Aus dem Wissenschaftssoziologen Hollingsworth ist längst ein Consultant geworden?

Ich sitze in vielen Beratungsgremien von Regierungen und Forschungsförderern, mit denen ich mein Wissen teilen will. Ich berate, um das Gemeinwohl zu fördern, nicht in erster Linie für Geld. Aber im Zentrum steht bei mir nach wie vor die Wissenschaft.

Sie sind aber auch als Headhunter für wissenschaftliche Führungspositionen unterwegs.

Und zwar ständig. Ich komme gerade aus England zurück. Dort aß ich mit einem Nobelpreisträger zu Mittag, der dabei ist, in Pension zu gehen. Wir in den USA haben nicht diese verrückten und rigiden Pensionsregulierungen. Ich versuche jetzt für ihn etwas in den USA zu arrangieren. Auch österreichische Forscher möchte ich hierher lotsen.